Ich sage Adieu.


Ich sage Adieu.

Es war Mitte Januar vor 6 Jahren. Zusammen mit Solveig Heisler hat Enrico Guzy, habe ich, die LüttLiv Restaurant-betriebsgesellschaft mbH gegründet. Ein wenig sperrig war zunächst dieses Restaurant-betriebsgesellschaft mbH – aber es passte in unsere Vorstellung, in die 1,5 Jahre der Planerei und Fantasterei, es passte, weil wir etwas vorhatten, was noch keinen Namen hat.

LüttLiv – kleines Leben. Eine Café, ein Restaurant, eine Gaststätte, ein Bistro, ein Schank- und Speisewirtschaft – eine Familie. Wie wäre es ein Wohnzimmer für den Stadtteil zu schaffen, ein Ort zum Wohlfühlen, ein Ort, wo sich eben das Leben abspielt. Kleines Leben.

Zwei Monate später, im März 2015, öffneten wir die Türen und es wurde ein wildes, stressiges, atemberaubendes, beängstigendes und unglaublich schönes kleines Leben. Es gab nur noch ein Leben – darum sagte Solli dem LüttLiv nach einem guten Jahr adieu, um ihr Leben der eigenen Familie zu schenken, den Enkelkindern, Kindern und ihrem Ehemann.

 

Für Solveig kam Tim Niebuhr in die LüttLiv-Familie . Wir hatten 9 Jahre zuvor die Bekannschaft auf der Theaterbühne gemacht und der Traum von einer Gastronomie bewegte uns schon in einer ungesunden Theater-WG. Das Feuer bei Tim entfachte sich schnell und kreative Bälle konnten wir uns schon früher zuspielen. Vorallem Tims Bastel-, Bau- und Ballsport-Talent führte dazu, dass wir auch verrückte Pläne umsetzen konnten und so alles handgemacht blieb – das Fundament unserer Philosophie.

 

Über 7 Jahre war das LüttLiv nun Bestandteil meines Lebens. Im März wird das „Kleine Leben“ den 6. Geburtstag feiern. Ich hoffe, es regnet Konfetti, ich hoffe, dass dieser Geburtstag gefeiert werden kann, ohne Sorge, mit lauter Musik, Gin des Lebens und all den Menschen, die mir in diesen Jahren an Herz gewachsen sind.

Die Grenzen zwischen Freundschaft und Arbeitgeber-Arbeitnehmer*innen waren oft fließend, eine unglaubliche Dynamik und Energie hat sich im LüttLiv entwickelt, das Team wurde zur Familie. Der Lebensalltag war das LüttLiv – das war vielleicht nicht nur gesund, aber damals nötig und möglich. Denn auch, wenn es „kleines Leben“ heißt, heißt es nicht, dass es alles im kleinen bleibt. Wir hatten Erfolg, waren voller Glück und wuchsen schneller, als uns vielleicht lieb war. „Maschine looft“, würde mein Zaubererfreund „Magic Mirko“ sagen. Ein alter Bauwagen war zum Beispiel schnell gekauft und aufwendig ausgebaut, er wurde die „Gute Stube“ – eine schnelle Idee, ein langes Projekt, ein neue Geschichte. So war es häufig. Das war der Motor, der Trubel, die Freude und das Glück.


Pausen und Feierabendbier gab es an der „10“ – der Platz am Tresen. Der inoffizielle Mitarbeiter*innentisch. Hier spielte sich das Leben ab, hier wurde viel gelacht, hier gab es große Sorgen, Alltag, viel Wut, neue Ideen, Mißverständnisse, Ehrlichkeiten und meine große Liebe. Das LüttLiv brachte ein neues Glück für mich hervor. Sie ist heute meine Frau und Mutter unserer Tochter. Wir verbrachten viele Abende auf der 10 und am Lagerfeuer, dass wir mit vielen tollen Menschen aus dem LüttLiv oft erst nach Feierabend zündeten – häufig sahen wir die Sonne am nächsten Morgen aufgehen.

 

Die Sonne wird auch nach der Corona-Zeit wieder aufgehen, aber ohne mich.
Lange gor die Entscheidung, wie ein fruchtig-herber Sauerteig in mir. Schon vor einem Jahr weihte ich Tim in die Gedanken ein – und so fingen wir an Strukturen und Verantwortungen zu verschieben, denn diese Verantwortung, die Last, diesen schweren Rucksack konnte und wollte ich plötzlich nicht mehr tragen, mit einem Kind, dass mehr braucht als einen überarbeiteten müden Vater – der immer zu spät kommt. Vorallem aber brauche ich eine Pause, einen leeren Kopf, keinen Plan, keine Vision.

Es fällt mir besonders schwer in dieser unbeständigen Zeit zu gehen, aber ich schiebe den Abschiedstermin nun monatlich auf, weil der Lockdown immer weitergeht. Nun ist aber fast alles übergeben. Tim hat das Steuerrad fest in der Hand und das ganze LüttLiv-Team wartet nur darauf, endlich wieder Gas geben zu können, die Türen aufzureißen und Dich endlich wieder im mit allen Köstlichkeiten, Charme und vielem handgemachtem im LüttLiv empfangen zu können. Für mich steht der Moment des Abschieds und des Dankes steht vor der Tür:

 Jedem, der mich auf diesem Weg begleitet hat, gehört hier ein Dankeswort.
All die Menschen, die an die Idee, die Vision, den Ort geglaubt haben und mir Geld geliehen haben. Die Menschen, die das kleine Leben mit aufgebaut und groß gemacht haben.
Ich danke allen Mitarbeiter*innen, die mich und uns über all die Jahre (vielleicht auch nur für einen kurzen Moment) begleitet haben – durch die verrücktesten Sommer, durch die sorgenreichsten Winter. Es wurde ein tolleres und größeres Team, als ich es mir je vorgestellt hätte. Menschen, die die Idee des LüttLiv gelebt haben, mit Liebe gefüllt und sich sorgten, Gedanken machten, einsprangen, aushalfen. Menschen, die da waren.
Ich danke all denen, die immer ein offenes Ohr, eine zündene Idee, den richtige Ratschlag oder eine ehrliche Meinung hatten. All denen, die sich trauten, etwas zu wagen, die mutig waren und einfach mitgemacht haben.
Ich danke auch allen, die bei uns zu Gast waren, die das LüttLiv, das Wohnzimmer, wirklich mit kleinem Leben füllten. Ich denke an all die Menschen, die zu Stammgästen wurden, intern Kosenamen bekamen, alle jene, denen wir Tag für Tag ein kleines Glück schenken konnten – und all jene, die wir nie glücklich machen konnten. Noch mehr aber denke ich an die, die bei uns gefeiert haben, eine Hochzeit, ein Geburtstag, eine Taufe. Vielleicht der schönste Tag im Jahr, im Leben – im LüttLiv. Das ist rührig, das ist schön, das ist bewegend – das macht mich stolz.
Ich danke allen.
Und ich danke Dir.

Ich sage Adieu, du geliebtes kleines Leben.

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