Loppis


Loppis

Im „LüttLiv“ steckt ein großer Teil Schweden: Land und Leute haben uns in den Bann gezogen und „Liv“ bedeutet „Leben“ auf Schwedisch. Was lag also näher, nicht nur Inspiration, sondern auch möglichst viel Mobiliar von dort zu holen. Ebay war gestern, heute sollten es die typisch schwedischen Trödelmärkte sein. Loppis. Ein Wort, bei dem jedem flohmarktbegeisterten Schwedenliebhaber die Ohren klingen wie Astrid Lindgren-Fans bei Pippi Langstrumpfs Lied. Auch beim Trödelkauf macht 2 x 3 schon mal 4 und wenn es dem Händler passt, werden bei drei Teilen daraus – widdewiddewitt – Neune. In einer nebligen Herbstnacht machten ging es in unserem von Bänken und überflüssiger Beiladung befreiten VW-Transporter los und wir rauschten voller Vorfreude durch die Nacht.

Das Horsd’œuvre in gab es in Rødovre. Der Appetitanreger sollte in einer Vorstadt von Kopenhagen sein, für die man, um sie korrekt auszusprechen, einen dicken Lappen im Munde und um sie zu finden ein aktuelles Navi im Auto haben muss. Sonst konnte man das Geschäft in einem tristen Gewerbegebiet kaum von den tiefliegenden Regenwolken unterscheiden. Insbesondere Freunde abgetrennter Puppenarme und Liebhaber von Kronleuchtern mit Kerzenattrappen sind bei Antik Pjot am richtigen Ort. Wir benötigten beides nicht, begründeten dort aber die Tradition, bei jedem besuchten Trödler zumindest einen Gegenstand zu kaufen. So begann alles mit einer unglaublich hässlichen Porzellandose für Zimt. Auf nach Schweden!

Myrorna, die schwedische Version von „Stilbruch“, überzeugte in Malmö mit einem reichhaltigen und mit Liebe drapierten Angebot, hellen Räumen und freundlichen Mitarbeitern. Also mit allem, was Stilbruch nicht bietet. Wir kauften Stühle, eine Stehlampe, Geschirr und Kleinkram, ehe es ein paar Straßen weiter ging. Trollets Loppis liegt malerisch versteckt hinter einer nach-industrielen Mondlandschaft voller Betonbrachen und Zeltstädten aus Plastikplanen in einem alten Firmengebäude. Durch vollgeramschte ehemalige Büros gelangte man in einen riesigen Raum, der sich wie die Kubacher Krisallhöhle voller Schätze vor uns öffnete. Doch weniger kann manchmal mehr sein und wir fanden trotz des gewaltigen Angebots nur mit Mühe zumindest was für den Traditionskauf und waren letztlich froh, an die frische Lust zu kommen und unser Auto a) überhaupt und b) auf den Reifen und nicht auf Ziegelsteine aufgebockt wieder zu finden. Schnell weiter zu Rodakors in der Friisgatan, einem Mikrokosmos in der Innenstadt. Obdachlose, verschleierte Frauen, alte und junge Szenetypen oder Touristen aus Hamburg. Es brummte, obwohl das Angebot überschaubar war. Aber schön sortiert. In einer Ecke saß eine winzige alte Frau und nähte für ein paar Kronen Kleidung an einer noch älteren Maschine nach Kundenwunsch Kleidung um.

Dann ging es in die Provinz. Bei „Blåan“ in Kristianstad wurden wir von einer bedingt freundlichen Dame kritisch beäugt. Das Auftreten als Gruppe weckte womöglich eine diffuse Angst vor Trickdieben. Der Laden bestätigt die Aussage, dass man nicht nach dem Äußeren urteilen sollte, denn in der kleinen Wellblechbaracke verbarg sich ein ansprechendes Angebot an Trödel. Zum ersten Mal kam der klassische Second-Hand-Trick erfolgreich zum Einsatz: Wenn man bezahlt hat, noch eine kleine Sache drauflegen in der Hoffnung, diese geschenkt zu bekommen. Eine Schwedentischflagge kann man immer mal gebrauchen…

Der Loppis in Jämshög sollte in jedem Loppisführer (Achtung: Wortspiel!) fehlen. Neben der Kasse lockte ein großes Angebot mit Videos über den Nationalsozialismus und von der Wand lächelte der Führer (!) milde auf den Kunden herab. Wir verließen den Ort des Grauens so schnell wie möglich nach dem Kauf einer braunen Dose für Zimt.

Am nächsten Tag ging es gen Osten. Der Prylboden in Karlskrona rühmt sich nicht ganz zu Unrecht eines der größten Trödelangebote Blekinges. Freunde von gedengeltem Messing-und Kupferzeug kommen hier voll auf ihre Kosten. Der Verkäufer wirkte zunächst muffelig und wollte nicht handeln, gab dann aber freiwillig immer mehr Rabatt. Vielleicht freute er sich so, endlich einen Kunden für eine sperrige schwere Wäschemangel gefunden zu haben, die wir mühsam in unser Auto wuchteten. Über einen unbeachtlichen Rote-Kreuz-Laden in der City ging es wieder aus der Stadt raus. In Lyckeby stolperten wir über einen richtigen Flohmarkt unter der bezaubernden Ruine eines Supermarktes. Wir kauften Vasen und Teller und sorgten uns im Gewühl um unsere Brieftaschen. Die Toilette war nicht abschließbar, was dem Markt einen Minuspunkt eintrug. Wenig später passierten wir eine der unzähligen schwedischen Freikirchen und überraschten in der „Korskyrkan“ zwei Männer, die in einem traurigen Vorraum des Gemeindehauses entweder über Gott und die Welt, den Preis für polnischen Wodka oder Neuigkeiten aus dem Trabsport diskutierten. Wir konnten einen Stuhl von 50 auf 40 Kronen herunter handeln, weil man in uns gute Menschen vermutete. Erleuchtet verließen wir das Gotteshaus schätzungsweise als erste und letzte Kunden des Tages, ehe die beiden sich wieder dem Pferdesport widmen konnten. Im Rennen 4 in Tingsryd hatte Stjärnan lange vorn gelegen, ehe Holly Molly vorbeizog, dann aber noch von Solen abgefangen worden war. Mein Gott.

Es ging aber noch trauriger. Tief hinter dem Bahnhof von Rödeby versteckt, rotten ein paar Lagerhäuser und Autowracks vor sich hin. Wir fragten uns, ob wir hier später je wieder raus kämen oder demnächst selbst verkauft werden würden. Man kennt das ja aus „Criminal Minds“. Im Nebel stand ein alter Mann in der Tür eines Schuppens wartete schon auf uns. Er folgte uns auf Schritt und Tritt und reagierte fast panisch, wenn wir uns trennten. Er plapperte ständig vor sich hin, bewies aber Sachkenntnis, als er versuchte, uns eine komplette, mundgebissene Bar zu verkaufen. Seinen Kaffee lehnten wir dankend ab, denn nur ein paar hundert Meter weiter lockte das Loppis-Paradies: „Rödeby Antik“ hatte ein riesiges Angebot von Ramsch bis Antik. Natürlich gab es auch das berühmte Bild „Grindslanten“, das in keinem Loppis fehlen darf. Wir kauften jede Menge Möbel und lieferten beim Einpacken in den schon ziemlich beladenen Bus unser Meisterstück ab. Und waren glücklich. Das hatte so viel Spaß gemacht, dass nicht mal Klippets Loppis in Hallabro unsere Stimmung trüben konnte. Der beachtliche Internetauftritt hatte getäuscht: Um eine geschlossene Bruchbude herum rotteten Geschirr, Möbel und eine Orgel im Nieselregen vor sich hin.

Auf einem verwahrlosten Hof hinter Tingsryd empfing uns ein perfekt Deutsch sprechender Däne mit deutlichen dentalen Defiziten. Sein Haus war mit Räumen unterhöhlt wie ein Erdmännchenbau. Mit seinem letzten fauligen Zahn nuschelnd bot er uns freundlich allerlei Ramsch an, während aus dem Fenster (s)eine Erdmännchenfrau zusah und – dem Gesichtsausdruck nach – scheinbar hoffte, er würde nichts von ihren gehorteten Schätzen verkaufen. Es sah aus, als würde sie überlegen, ob sie uns lieber zu Wurst oder zu Eintopf verarbeiten sollte. Wir erstanden ein paar Kerzenhalter und gaben Gas bis der Kies flog. Nächster Halt: Ingelstad. Über einer Tankstelle wachte eine freundlich lächelnde Asiatin über ihre Waren. Alles war ausgezeichnet. Nicht der Zustand, sondern mit Preisschildern. Wir fanden tolle Lampen für je 5 Kronen. Ein Schnäppchen. Doch die lächelnde Frau belehrte uns, dass es keine Preise waren: Von gefühlten 1 Million Artikeln zeigten die Schilder nur bei diesen beiden Lampen eine Artikelnummer. Sie sollen je 250 SEK kosten. Das Lächeln blieb. Die Freundlichkeit schwand. Wie wir. Stattdessen gönnten wir uns zum Abschluss des erfolgreichen Tages im Lantcafé in Ör småländischen Käsekuchen samt gutem Kaffee und fanden Faulsein wunderschön.

Am nächsten Tag brauchen wir etwas, um in den Loppis-Modus zu kommen. Aber Tyringe Antik packte uns. Ein kleiner und sehr gut sortierter Laden (Grindslanten, klar), der viel teurer aussah, als er war. Wir kauften ein Küchensofa und tolle Lampen und wurden Zeugen einer Wunderheilung eines alten Mannes, der in einem Elektro-Rollstuhl angebraust kam, dann aber fröhlich aufsprang und durch den Laden tänzelte. Vielleicht war es auch nur Sozialbetrug. Und uns egal. Sollte er doch. Wir träumten von den herrlichen Möbeln im schönen LüttLiv. Und vom letzten Highlight der Tour, dem unglaublichen und angeblich größten Loppis Südschwedens in Örkelljunga. Und das war er in der Tat: Unglaublich, wieviel unattraktiven Ramsch man auf 700 qm² verteilen kann. Es ging immer noch weiter, noch tiefer, dagegen war der Erdmännchenbau vor Ingelstad ein Witz. Ein ungepflegter Mann saß, wie eine dicke Spinne im Netz, hinter einer Kasse, aus der Geldscheine hervor quollen wie unsere Augen beim Anblick der einzigartigen Porno-DVD-Sammlung, die wohl die Grundlage für seinen Geschäftserfolg bildeten. Wir blieben nicht länger als nötig.

Bei leckerem Kaffee und Kuchen in einem Malmöer Café gänzlich ohne schöne Möbel feierten wir den Abschluss der Loppis-Tour. Die Rückfahrt verging wie im Fluge. Wie wird das LüttLiv aussehen? Werden die Gäste auch nur annähernd so viel Freunde mit den Möbeln haben wie wir beim Einkauf? Wir würden uns darüber freuen. Sehr. Auf das es bald frei nach Pippi Langstrumpf heißt: Wir machten uns die LüttLiv-Welt widdewidde wie sie euch gefällt.

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